Zeugnis einer Jugend - Stimmen einer Zeit

Erinnerung - Rückbesinnung - Verständigung


Rückbesinnung und Verständigung
Zwischen den Generationen

Perspektiven – Horizonte – Deutungen
Erinnerungen kommen und gehen, sagt man. Aber woher kommen sie? Und wo führen sie uns hin? In der Rückbesinnung nehmen wir uns Zeit, diesen Fragen nachzugehen. – Das Woher entspringt den dunklen Tiefen unserer Vergangenheit. Jeder bringt daraus seine ganz persönlichen Erlebnisse mit, die zu ihm gehören wie sein Gesicht und seine Sinne. Anfänge, die seine Lebensperspektive begründen. Aber darin spüren wir in tieferen Schichten unseres Bewußtseins auch manchem Überkommenen nach, das in unserer Gegenwart noch präsent war.
Das Wohin führt uns über uns selbst hinaus. Denn die Zeit, die in meiner Erinnerung lebt, teile ich mit anderen Menschen. Sie will mitgeteilt werden, damit wir uns gegenseitig der gemeinsamen Zeit vergewissern, die wir bestehen wollen. Aus alten Begegnungen werden neue Begegnungen. Damit die beschränkten persönlichen Perspektiven sich überschneiden, erweitern und ergänzen können – vertieft durch Lektüre, vor dem großen Horizont des verfügbaren Wissens unserer Zeit.
Wohl keine Zeitspanne ist nach ihrer politischen Geschichte heute international besser erforscht als die 12 Jahre der NS-Diktatur. Weil sich Politik niemals katastrophaler ausgewirkt hat. Aber die Ergebnisse abgeschlossener Forschungen haben das Bild der Vergangenheit auch in weite, unzugängliche Ferne gerückt. –
In unseren Gesprächen beginnen wir im Umgang mit unseren Erinnerungen wieder dort, wo auch die Historiker einmal angefangen haben: Mit dem Hören auf die Stimmen der Zeit, mit der Annäherung an Zeugen, mit der Suche nach eigenen Fragen, Einsichten und Deutungen. – Meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner bringen jeweils neue Aspekte, fruchtbaren Widerspruch, einen eigenen Wissenshorizont in den Dialog ein. Im Wechselgespräch, im Hin und Her der Verständigung – wenn die mitgeteilten Erinnerungen und Ansichten sich ein Stelldichein geben – geraten Deutungen wieder in Bewegung, die hie und da vielleicht schon zum gesellschaftlichen Klischee oder zur historischen Kulisse erstarrt waren. – So wollen diese Gespräche Anregungen, Anhaltspunkte bieten für weitergehende Dialoge zwischen den Generationen, für die Suche nach Wegen der Verständigung, sei es im persönlichen Umfeld, sei es über die Literatur.
Wesentlich war mir daher der Unterschied zwischen den jüngeren und den älteren Gesprächspartnern. Stand für die Jüngeren in der Rückschau auf uns im wesentlichen die heutige Sicht, von Auschwitz aus, im Vordergrund, so überraschen in den Erzählungen der Älteren die Entsprechungen zu meiner Jugend, in der auch noch Vieles lebendig war von der Welt »vor meiner Zeit«.. Am historischen Horizont werden die Umrisse einer versunkenen Lebenswelt faßbar – mit all ihren furchtbaren Krisen und Katastrophen.


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